Teilhabe

Ausgerechnet an Weihnachten und ausgerechnet in Bethlehem kommt Gott zur Welt. Auch aktuell toben dort die Kämpfe, auch in diesem Jahr werden – trotz aller Auseinandersetzungen – Christen und Christinnen in Bethlehem das Weihnachtsfest feiern.
Gott wird Mensch und das ausgerechnet an Weihnachten. Für Bajan, das Mädchen aus Bethlehem ist diese Tatsache unverständlich,….
Mit Auslegungen zur Weihnachtsgeschichte eröffnet das Buch, führt uns über Betsaida, nach Emmaus bis in das Buch der Offenbarung.
Predigten, Impulse, Auslegungen und Gebete.

Titel

"Teil(habe) am Leben"

Predigten in "Wort und Bild" aus den Kirchengemeinden Effringen und Schönbronn



Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Teil(habe)- Ein kleines Vorwort
1. Gott nimmt Teil am Leben- ".... ausgerechnet an Weihnachten" Bethlehem Lukas , 1-20
2. Teilhaben am Leben und Teilen aus der Fülle - "... und alle wurden satt" Betsaida____Lukas 9, 10-17
3.Teil(habe) am Leben des Auferstandenen-"...unterwegs nach Emmaus" Emmaus____Lukas 24, 15-35
4. Umkehr in eine heilvolle Zukunft- "Siehe ich stehe vor der Tür!" Laodizea____Offenbarung 3, 14-22
5.Teilhabe an der Ewigkeit-"..bis der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen" Epiphanie____Petrus 1, 16-21

Vorwort

Teil(habe)... Ein kleines Vorwort

Gott gibt Anteil an seiner Fülle, weil er das Leben mit uns teilt.

Er bindet sich an Menschen, ihre Geschichte und ihre Wege. Bethlehem, Betsaida, Emmaus und Laodizea sin die Stationen dieser Weggeschichten.

Gott wird Mensch am Rande der Weltgeschichte und das "ausgerechnet an Weihnachten"(1). Er gibt uns Anteil an seiner Fülle und "alle werden satt"(2).

Er ist mit uns auf dem Weg, teit sich mit und gibt sich zu erkennen in Emmaus(3). Seine Teilhabe am Leben öffnet, gibt uns Anteil an seiner ZUkunft(4), bis, ja "bis der Morgenstern aufgehe in unseren Herzen"(5).

Mit diesen Predigten, Meditationen und Gebeten in "Wort und Bild", die bereits abgedruckt wurden in der Zeitschrift für die Evangelische Landeskirche in Württemberg, "Für Arbeit und Besinnung", möchte ich Sie teilhaben lassen an unseren Gottesdiensten in Effringen und Schöbronn. Aquarelle meiner Mutter Elisabeth Stotz illustrieren die biblischen Orte. Fotos der effringer und schönbronner Kirche verankern diese "Worte" mitten in unseren Orten. Denn Gottes Wort bindet sich an Menschen, ihre Geschichten und ihre Wege.

Als Gemeinden sind wir Teil dieser Weggeschichte, denn Gott nimmt Teil an unserem Leben und lässt uns teilhaben an seiner Fülle.

Lisbeth Sinner, Pfarrerin

Kapitel 1

Gott wird Mensch – ausgerechnet an Weihnachten


Sie war gerade 6 Jahre alt geworden. Ein Mädchen im Krisenherd des Nahen Ostens. Geboren rund 2000 Jahre nach Weihnachten und das ausgerechnet in Bethlehem. Hineingeboren zwischen die Fronten von Palästinensern und Israelis, zwischen Judentum und Islam und das ausgerechnet als palästinensische Christin. Die Hirtenfelder waren ihr Spielfeld, die „brennenden“ Straßen Bethlehems ihr Schulweg. Bethlehem, eine Kleinstadt „hinter der Mauer“, vergessen, umkämpft und selbst von Touristen gemieden.

Nur einmal im Jahr, ausgerechnet an Weihnachten, rückt die Geburtskirche in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit. Für wenige Stunden erlebt Bethlehem einen Ansturm von Reportern, Pilgern, politischer und geistlicher Prominenz. Irgendwo zwischen „Stille Nacht, heilige Nacht“, Weihrauchschwaden und Sicherheitspersonal wird es Weihnachten in Bethlehem. Es sind meist Fremde, die den heiligen Ort belagern. „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“ Bethlehem wird zur Kulisse für weihnachtliche Gesänge, geistliche Bedürfnisbefriedigung und politische Friedensreden.

Spätestens nach dem orthodoxen Christfest ist der Spuk vorbei. Weihnachten und Bethlehem sind wieder Geschichte. Die Welt wendet sich ab. Die Engelsgesänge verstummen und Bethlehem versinkt jenseits von Weihnachten wieder in der Trostlosigkeit.

Das Mädchen von den Hirtenfeldern war gerade 6 Jahre alt und hatte Besuch. Ausnahmsweise nicht an Weihnachten, sondern mitten in der Hitze des Sommers. Ich habe ihr eine Kinderbibel mitgebracht, und wir saßen, das Buch in Händen, im Schatten eines Olivenbaumes. Die Bilder der Weihnachtsgeschichte zogen vor unseren Augen vorbei. Maria mit ihrem dicken Bauch und Josef aus Nazareth auf dem Weg nach Bethlehem. Die Bilder der Kinderbibel im Blick, arabische Wortfetzen und die Zeichensprache unserer Hände. Maria auf dem Esel und Josef am Stadttor von Bethlehem. Am Fuße des Berges die Hirten auf den Hirtenfeldern. Die Geschichte nahm ihren Lauf und wir beide waren mitten drin.

Doch dann die Wende. Josef auf der Suche nach einer Herberge, nach einem Hotelzimmer für Maria und das ungeborene Kind. Jetzt war Bajan nicht mehr zu halten. Sie sprang auf, die Kinderbibel fiel zu Boden. Wie wild gestikulierte sie mit beiden Händen und ihr ganzes orientalisches Temperament brach aus ihr heraus: „Die sind verrückt, das ist absoluter Wahnsinn, hochschwanger nach Bethlehem zu kommen, ein Zimmer zu suchen und das ausgerechnet an Weihnachten.“

Ausgerechnet in Bethlehem und ausgerechnet an Weihnachten kommt Gottes Sohn zur Welt.

Kapitel 2

Gott wird Mensch um Mensch zu sein

Mensch zu sein, heißt Mensch zu werden. Gezeugt, getragen unter dem Herzen einer Mutter, geboren unter Schmerzen durch das Wasser ins Leben. Hineingeboren in die Kälte der Welt an einen konkreten Ort zu einer bestimmten Stunde. Mensch zu werden, ist gebunden an Raum und Zeit, an Körper und Seele. Geboren zu werden, ist begleitet von Wasser und Blut, Schmerzen und Gefahr.

Nur wer Mensch wird, kann auch Mensch sein


................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................

Kapitel 3

„Es begab sich…“ (Meditation)

Es begab sich“, als der Herzschlag der Macht in Rom pulsierte,
dass Gott Geschichte schrieb jenseits der Machtausgerechnet in Betlehem.„Es begab sich“, als „die Zeit erfüllt war“ vom Schrecken der römischen Gewaltherrschaft, dass Gottes Verheißung zu ihrer Erfüllung kam ausgerechnet in einem jüdischen Kind.„Es begab sich“, dass Gottes Sohn unter dem Herzen Marias heranwuchs
und Mensch wurde um Mensch zu sein
- ausgerechnet im Dreck eines Stalles.

Es begibt sich, dass Gottes Sohn in mein Leben tritt
und Geschichte schreibt jenseits meiner Erwartungen vielleicht ausgerechnet an Weihnachten.Es begibt sich, dass mitten in Schrecken, Gewalt und Terror, dass sich Gott für das Menschsein entscheidet und sich verletzlich macht in seinem Sohn.

Es begibt sich, dass Gottes Verheißung zu seinem Ziel kommt in der Nacht dieser Welt, gerade dann, wenn die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird.

Es begab sich gestern in Bethlehem und es begibt sich heute unter uns.

................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................

Kapitel 4

I. Wo liegt Emmaus?

Sie meinen, diese Frage besitze für protestantische Gemüter oder fortschrittliche Katholiken keine theologische Relevanz?

Wo - liegt- Emmaus? Nun, stellen sie diese Frage einmal einem Jerusalemer Taxifahrer, und ich kann ihnen versprechen, das Abendteuer „Heiliges Land“ nimmt seinen Anfang.

Ich warne sie: Steigen sie nicht ein! Vertrauen sie sich diesem vermeintlichen Kenner der heiligen Stätten nicht an, solange sie nicht folgende Punkte abgeklärt haben:

Zu welcher religiösen Gemeinschaft zählt sich ihr Gegenüber: Ist er Muslim, Jude, Armenier, d.h. orthodoxer Christ, katholischer Christ oder gehört er gar zu der seltenen Gattung der Protestanten?





Besitzt das Fahrzeug funktionierende Bremsen?

Die zweite Frage entscheidet darüber, ob sie eine realistische Chance haben, Emmaus grundsätzlich zu erreichen – denn der Weg nach Emmaus ist steinig und steil.

................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................

Emmaus ein Weg (Meditation)
Zwei Männer sind auf dem Weg,
heraus aus der Stadt, die Jesus gekreuzigt hat.
Schritt für Schritt lassen sie das Kreuz und den Gekreuzigten hinter sich.
Doch die Schatten der Finsternis lassen sich nicht abschütteln, das Kreuz geht mit ihnen.

Zwei Männer sind auf dem Weg,
auf dem Weg zurück nachhause,
zurück hinter das Kreuz, zurück hinter das Ende.
Heraus aus der Ohnmacht - zurück zu alten Geborgenheiten.
Heraus aus der Verzweiflung - zurück zu alten Sicherheiten.
Doch die Leere lässt sich nicht füllen.
Kein Wort, keine Geste, nur das Kreuz im Rücken.

Zwei sind auf dem Weg,
Worte können nicht erklären, Sprache die Trauer nicht fassen.
Zwei gehen auf einem Weg, jeder allein mit sich.
Sie gehen: Miteinander nebeneinander, einsam zu zweit.
Zwei Männer sind auf dem Weg,
auf dem Weg heraus aus der Stadt, die Jesus gekreuzigt hat.
Schritt für Schritt lassen sie das Kreuz hinter sich, doch der Gekreuzigte geht mit, geht ihnen nach, teilt ihren Weg.
Drei sind auf dem Weg hinab nach Emmaus.
Schritte kommen zum Stehen. Worte werden geteilt, Gefühle finden Sprache und Sprache findet den Weg zum andern.
Drei Männer halten inne auf dem Weg nachhause.
Der Schatten des Kreuzes wird vom Licht durchbrochen.

Und doch werden sie nicht vom Licht erfasst.
Sie sehen und sehen nicht.
Sie hören und hören nicht.
Sie ahnen seine Nähe, doch fühlen sie nicht.
Zwei Männer auf dem Weg ins Dunkel – das Licht des Dritten im Rücken.

Drei Männer nähern sich Emmaus und kommen nachhaus.
Zwei Männer bitten den Dritten, bleib.
Zwei suchen die Nähe des Dritten, bleib.
Die Schatten verschwinden, dunkle Mauern werden aufgebrochen, Gesten und Blicke sprechen.
Drei Männer stehen unter dem Kreuz.
Zwei ahnen und spüren hier ist das Licht, bleib, verlass uns nicht.
Drei sitzen an einem Tisch,
drei stehen im warmen Licht.
Zuhause, geborgen, am Ziel ihrer Sehnsucht.
Drei teilen und brechen das Brot.
Er ist das Brot, er ist der Wein.
Sie sehen und sehen,
erkennen und kennen, hören und verstehen.
Die Balken des Kreuzes, die Schatten der Nacht weichen dem Licht.
Er ist das Brot, er ist der Wein.

Zwei Männer tanzen aus dem Dunkel ins Licht.
Entflammt, entgrenzt, gelöst und glücklich.
Zwei miteinander und ineinander lassen das Dunkel zurück.
Es geht hinauf, hinauf von Emmaus nach Jerusalem.
Hinauf zum Kreuz? Hinauf zur Krippe.
Zurück zum Anfang, zur Hoffnung, zum Licht.



(Möglich auch als Bildmeditation zu Holzschnitten von Andreas Felger in:

Emmaus: ein Weg/Heinrich Spaemann; Andreas Felger, Hünfelden-Gnadenthal, Präsenz 1991)


................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................
................................................................................................................................................................................................


Kapitel 5

Gebet
Vater im Himmel, wir haben deine Herrlichkeit gesehen. Wir haben deine Stimme gehört. Du bist mit Jesus Christus in unser Leben getreten. Wir bitten dich um das Licht deines Sohnes an den dunklen Orten in unserem Leben. Leuchte in unsere Einsamkeit, in Krankheit und Tod. Leuchte in unseren Zweifel und unsere Verzweiflung. Damit dein Licht aufgehe in unseren Herzen.

Jesus Christus, wir haben deine Stimme gehört. Wir folgen nicht ausgeklügelten Fabeln, wir folgen dir, dem Licht dieser Welt. Wir bitten dich, leuchte hinein in die dunklen Orte dieser Menschheit. Bewege Menschenherzen, damit Hilfe möglich ist, wo Menschen um ihr Leben kämpfen. Bewege Menschen zum Frieden und wehre der Gewalt. Damit dein Licht aufgehe in den geschundenen und verletzten Herzen.

Amen